Völker Sibiriens

Sibirien gilt seit langer Zeit als ein geheimnisumwobenes Land,  das bis zum 17. Jh. nahezu unerforscht blieb. Nicht einmal eine genaue geografische  Begrenzung gab es für die Gebiete jenseits des Urals. Seit dem 17. Jh. existiert  der Begriff Sibirien und bezeichnet die riesige Landmasse zwischen Ural und  der Wasserscheide des nördlichen Eismeeres und Pazifik. Als Sibirien wird heute im physisch- geographischen Sinn eine Großlandschaft in Nordasien mit einer  Ausdehnung von fast 10 Millionen km2 bezeichnet, die im Westen durch den Ural,  im Osten durch den Fernen Osten, im Norden durch das Polarmeer und im Süden durch die Kasachische Schwelle und die Mongolei begrenzt wird. Heute wird dieses  Gebiet von etwa 25 Millionen Menschen besiedelt, deren Siedlungen sich hauptsächlich entlang der Transsibirischen Eisenbahn befinden. Das entspricht einem Anteil von 17 % im Jahre 1995 der Gesamtbevölkerung Russlands auf 56% der Gesamtfläche. Dahinter verbergen sich neben den zugewanderten Nationalitäten (z.B. Russen, Deutschen) eine Vielzahl größerer und kleinerer Volksgruppen, die sechs verschiedenen  indigenen Sprachfamilien angehören. Trotz unterschiedlicher geschichtlicher und sprachlicher Hintergründe gibt es unter den indigenen Völkern eine Vielzahl  von kulturellen Gemeinsamkeiten, die vor allem auf den geographischen und klimatischen  Gegebenheiten basieren. So weisen sie in ihren Ursprüngen eine Wirtschafts-  und Lebensweise als Nomaden (Haltung von Schafen, Pferden und im Norden vor allem Rentieren), Jäger oder Fischer auf. Nach dem Zusammentreffen mit russischen  Eroberern im 16.Jh. setzte eine schrittweise Auslöschung ihrer Kulturen ein, die einen Höhepunkt unter der Diktatur Stalins fand. Viele sind trotz allem  in ihrem Kern erhalten geblieben und für einige dürfte es keineswegs zu spät  sein für ihre Rückbesinnung und Weiterentwicklung, sofern ihnen von der russischen Gesellschaft genügend Freiraum gegeben wird (Resagk, K. 2002: Völker Sibiriens. Exkursionsbericht TU Berlin http://sibirien.csiewert.de/; Wein, N. 1999).

Allgemeiner geschichtlicher Abriss

Die ältesten Völker Sibiriens, die aus allen Teilen Asiens einwanderten, existierten schon vor 200.000 Jahren. Erste Siedlungen gab es seit der Voreiszeit  im Altai. Von dort aus erfolgte die weitere Besiedlung Sibiriens. Eiszungen  der Eiszeit reichten bis zum Altaigebirges. Am Eisrand lebten während des Paläolithium  Mammuts, Bison und Nashörner. Bei archäologischen Arbeiten 1967 entdeckte man Mammutknochen. Die Archäologen rekonstruierten, dass sie auch zum Bau von Häusern verwendet wurden. Diese hatten, ähnlich einer Jurte, eine ovale oder halbkreisartige Form und waren zur Hälfte in der Erde versenkt.

Etwa im 12. Jh. v.Chr.. endete die Eiszeit und das Neolithium  begann mit ähnlichen klimatischen Bedingungen wie heute. Mit dem Aussterben  der Großsäugetiere stellten sich veränderte Jagdweisen ein: der Fischfang nahm  zu, Pfeil und Bogen und ebenso Tongeschirr wurden erfunden. Schon damals spielten  die Frauen eine große Rolle in der Wirtschaft. Wohnstätten bestanden zur damaligen  Zeit aus einem Raum mit zentraler Feuerstelle und darum angeordneten Schlafplätzen.  Während der Bronzezeit erfolgte eine Migration der Stämme und territoriale Auseinandersetzungen setzen ein. Die Siedlungen wurden größer und waren zur besseren Verteidigung meist kreisförmig angelegt. Die Gebäude befanden sich immer noch halb unter  der Erde und boten etwa 12- 20 Personen (einer Großfamilie) Platz. Sie bestanden  nun aus mehreren Räumen, die kreisförmig um den zentral liegenden Stall angeordnet waren. Während dieser Zeit kam es auch zur Einwanderung von Turkvölkern über den Altai. Typisch für die Turkvölker ist der hohe Stellenwert des Pferdes als ständigen Begleiter für das ganze Leben und auch nach dem Tod. Nach der Einwanderung kam es zu Migrationen, aber auch zu Vermischungen mit bereits ansässigen Völkern.  In Folge entwickelte sich im 1. Jh. v.Chr. die sibirische Urbevölkerung mit einer Turksprache. Überlieferungen des griechischen Historikers Herodot (etwa 485- 424 v. Chr.) berichten vom Volk der Skythen, die im 5. Jh. nördlich des Schwarzen Meeres sowie in Südrussland siedelten. Ursprünglich sollen die Skythen aus Sibirien stammen, wo sie als Nomaden der frühen Eiszeit eine Kultur der  Reiterkrieger ausgebildet hatten, um große Viehherden und Weidegebiete zu verteidigen.  Streitigkeiten unter verschiedenen Nomadengruppen lösten eine Völkerwanderung aus, in folge dessen die Skythen aus Sibirien vertrieben wurden. Im 13. Jh.  herrschte das kriegerische Volk der Mongolen im heutigen Sibirien. Es kam zu Kämpfen im Jenissej Becken und am Ob, die Bevölkerung musste Steuern zahlen  und wehrfähige Männer in den Dienst der mongolischen Armee treten. Nach dem  Zerfall des mongolischen Reiches bildete sich das sibirische Khanat, welches  1552 wiederum durch Kasan erobert wurde. Seit dem 11. Jh. bestehen durch den Pelzhandel Kontakte zu Russland. Im 16. Jh. kam es zur militärischen Eroberung  Sibiriens durch die Russen. Die Expansion erfolgte vor allem entlang der Wasserläufe. Im Jahre 1639 wurde der Nordpazifik und 1645 die Amurmündung erreicht. Zu dieser  Zeit lebten etwa ein Viertel Million Menschen jenseits des Urals. Bis dahin hatten endlose kleine und große Kämpfe zwischen Stämmen und Sippen in der Geschichte Sibiriens dominiert, bei denen zum Teil ganze Stammesgruppen vernichtet wurden.  Die dadurch gehemmte Ausbreitung und das verlangsamte Bevölkerungswachstum der indigenen Bevölkerung führten zu einem erleichterten Eindringen der Russen.  Mit den Russen kamen neue landwirtschaftliche Anbaumethoden (auch die Viehzucht),  neue Bauweisen und Jagdmethoden nach Sibirien. Erste sibirische Städte trugen einen Festungscharakter und entstanden an strategisch und administrativ wichtigen  Plätzen. Besiedelt wurden sie überwiegend vom Militär und Geistlichen. Ansonsten erhielten sich dörfliche Strukturen um Markt- und Handelszentren, meist ohne Kirchen und administrative Einrichtungen. Ende des 16. /17. Jh. lebten etwa  300.000 Menschen in Sibirien, wobei die Urbevölkerung schon weit in den Norden oder nach Süden verdrängt wurde.

Geschichte der Urvölker

Seit der Bronzezeit ist der Süden Sibiriens besiedelt und zeichnet sich durch hochentwickelte Kulturen aus (z.B. Minussinker Becken am oberen Jenissej  oder im Altai). Es erfolgte eine Migration der Stämme und territoriale Auseinandersetzungen setzen ein. Die aus diesen Siedlungsinseln ausgeschwärmten Gruppen entwickelten  sich zu eigenen Völkern. Diese Völker wiesen keine ethnische Einheitlichkeit  auf, sondern unterschieden sich hinsichtlich ihrer Herkunft, sowie ihrer Sprachfamilien, zu denen die folgenden gehören: 1. Finnisch- Ugrische 2. Samojedische 3. Jenissej 4. Tungusische 5. Mongolische 6. Turksprachen Überprägt und assimiliert wurden die Urvölker von einwandernden Volksgruppen wie die Finno-Ugrier, die Samojeden, die Mandschu-Tungusen und später von türkischen und mongolischen Völkern. (Zum Beispiel haben mongolische Burjaten die Tuwiner, ein Turkvolk in der Baikalregion assimiliert.) Diese Einwanderer werden auch als Neosibirier genannt (i.d.R.  mongolid geprägt). Diesen stehen die Paläosibirier gegenüber, die sich durch  kleine, tiefliegende Augen und einen gedrungenen, stämmigen Wuchs auszeichnen.  Während der ersten Einwanderungswelle, v.a. durch tungische Ewenken und Ewenen,  wurde der Taigagürtel besetzt. Später wurden diese Völker bis an den Polarkreis verdrängt. Zusammen mit den Paläosibiriern (Tschuktschen, Jukagirier u.a.) bilden  sie heute die "kleinen Nordvölker". Jüngste Einwanderer kommen aus dem mongolischen Becken (= Völker mongolischer und türkischer Herkunft) und siedeln vor allem  in der Steppe und Waldsteppe.

Völker

Die Völker Sibiriens werden zum einen unterteilt in die Großvölker,  dazu gehören die Burjaten, die Altaier, die Jakuten und die Tuwa und die "Nördlichen Kleinvölker", im äußersten Norden Sibiriens. Die Großvölker haben in den letzen Jahrzehnten zahlenmäßig zugenommen und verfügen über eigene Republiken, in denen sie aber meist in der Minderheit leben (zu 24% in Burjatien, zu 31% im Altai, zu 33% in Jakutien und zu 64% in Tuwa). Die Großvölker waren in der Lage den eindringenden Russen größeren Widerstand zu leisten und waren auch der Russifizierierung  weniger ausgesetzt. Die Mehrzahl von ihnen spricht zu Hause die Nationalsprache.  Der Begriff "Nördlichen Kleinvölker" wurde 1926 geprägt und bezeichnet Völker, deren Umfang weniger als 30.000 Menschen umfasst, die eine nomadisierende Lebensweise - basierend auf Rentierzucht, Fischerei und Jagd praktizieren - und einen niedrigen  Lebensstandart aufweisen. Nach Angaben der Bevölkerungszählung von 2002 gehören nur 0,2 % der Bevölkerung Russlands zu den sogenannten indigenen "Nördlichen  Kleinvölkern" des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens. Insgesamt wurden  243982 indigenen Personen erfasst. In der Irkutsker Oblast und Republik Burjatien sind es die Ewenken. Von ihnen leben 2154 Personen, das ist 0,1 % der Gesamtbevölkerung, in der Irkutsker Oblast und 5073 Personen in der Republik Burjatien, hier erreichen  sie 0,5 % der Bevölkerung. In der Irkutsker Oblast lebt noch das kleine Volk der Tovalar (723 Personen) und in der Republik Burjatien die Soioti (2739 Personen)  (Volkszählung 2002, www.raipon.org/russian_site/ ).

Großvölker Burjaten

Diese Nachfahren mongolischer Stämme bilden heute mit etwa 420.000 Angehörigen die größte Gruppe der Großvölker, die auf einer Fläche von der Größe Deutschlands siedeln. Die Hälfte von ihnen lebt in der Republik Burjatien, der Rest in autonomen Gebieten in der Nähe von Irkutsk, in der Mongolei und in Nordchina.  Traditioneller Lebensraum ist die Insel Olchon im Baikalsee, auf der noch heute  eine extensive Schafwirtschaft betrieben wird. Traditionelle burjatische Tracht ist der Chalat- ein weiter, bunt bedruckter Mantel aus Seide oder leichter Baumwolle.  Dazu trägt man weiche Schafstiefel und einen spitzen, kegelförmigen Filzhut.  Nationalspeise ist noch heute ein Gericht namens Posy, mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen. Im 18. Jh. erfolgte ein weitgehender Übergang zum Buddhismus. Bis dahin war der Schamanismus weit verbreitet. Viele westliche Burjaten hängen  aber auch der christlich- orthodoxen Kirche an. Die Burjaten konnten sich lange  den Russen widersetzen, wurden aber im 17. Jh. schließlich auch ins Russische Reich eingegliedert. Neben der Bekämpfung des buddhistischen Glaubens v.a. unter  Stalin war die Zwangssesshaftmachung (aller nomadisierenden Völker) ein weiteres  Ziel der Russen. Erste feste Unterkünfte der Burjaten waren 6- 8eckige Einraum-Blockhäuser, die einer Jurte nachempfunden waren.

Jakuten

Zweitstärkste Bevölkerungsgruppe sind mit 400.000 Menschen die Jakuten, die zuerst in der Baikalregion lebten, dann aber von anderen Völkern  in die Steppeninseln der mittleren Lena verdrängt wurden. Dabei wurden die dort ansässigen Ewenen zum Teil assimiliert. Die Jakuten sind Nachfahren von Türkengruppen, die im 13. Jh. einwanderten und weisen eine reiche nationale Kultur auf und brachten z.B. die Töpferei und die Schmiedekunst in den Norden. Mit dem Vorstoß  russischer Truppen Ende des 18. Jh. wanderten kleine Jakutengruppen nach Norden ab und siedelten an den Flüssen Kolyma, Indigirka und Alaseja. Diese Gebiete stellen heute das nördlichste Verbreitungsgebiet der Turkvölker dar. Ursprüngliche Lebensform ist der Pferdenomadismus. Die jakutischen Pferde sind winterfest und die Wirtschaftsform gleicht der Rentierhaltung. Mit den Russen wurde im  17. Jh., wo es edaphisch möglich war, der Ackerbau, sowie die Rinderhaltung  eingeführt, die aber wegen der Notwendigkeit der Heuwirtschaft und den Bau von  Winterstallungen sehr aufwendig war. Der Übergang zur Sesshaftigkeit erfolgte  auch hier in Einraum- Blockhäusern, die mit einem Erddach versehen, und außen zur Wärmeisolierung mit Dung und Lehm verschmiert waren. Eine solche Bauweise  findet man heute noch bei den Rinderställen. Die jakutische Kultur weist sowohl  südliche Steppenelemente wie z.B. Koumys vergorene Stutenmilch, aber auch nördliche Taigaelemente auf. Auch heute sind die Jakuten noch ein kulturschaffendes Volk mit reicher nationaler Literatur, Theater und Musik. Die selbstbewusste Volksgruppe  wurde nicht tiefgreifend russifiziert, und so sprechen 92% der Bevölkerung zu Hause ihre Nationalsprache (Wein,N. 1999).

Tuwa

Das Volk der turksprachigen Tuwa umfasst etwa 200.000 Menschen,  die das obere Jenissej- Becken besiedeln. Die traditionellen Jäger und Viehzüchter (Schafe, Kühe, Pferde und Yaks) stammen aus der Mongolei und hängen dem buddhistischen Glauben und dem Schamanismus an. Im 18./19.Jh. war Tuwa ein Teil des Chinesischen  Reiches, von 1921- 1944 unabhängige, kommunistische Republik. Ihre Unabhängigkeit  konnten die Tuwa in der heutigen autonomen Republik zurückerhalten. Viele Tuwa leben heute auch in der Mongolei. Chakassen Nördlich der Republik Tuwa lebt das etwa 80.000 Menschen umfassende Volk der Chakassen. Dabei handelt es sich  um Nomaden türkischer Abstammung, die sich mit der samojedischen Urbevölkerung  vermischt hat. Sie hängen zum Teil dem Schamanismus, zum Teil der christlichen Religion an.

Altaier

Die turksprachigen Altaier umfassen etwa 70.000 Menschen und gelangten im 19. Jh. unter russische Kontrolle (Wein, N. 1999).

Nördliche Kleinvölker

In Sibirien und dem fernen Osten gibt es 40 Kleinvölker. Die größten von ihnen sind die Ewenken etwa 35000 Personen und Nenzen mit etwa 40 000 Zugehörigen. Die kleinsten, die Enzen und Orotschen, umfassen gerade einmal 200 Menschen. Die Kereki zählten nur 8 Personen im Jahre 2002. Bei den nördlichen Kleinvölkern handelt es sich ausschließlich um nomadisierende Gruppen. Die geringe Menschenzahl begründet sich mit der geringen Tragfähigkeit der Taiga und Tundra. Ein Jäger  braucht in der Taiga ein Areal von 150 km2 zur Ernährung seiner Familie. Bei den Rentiernomaden ist der Flächeverbrauch ähnlich hoch, da ein Tier mehr als100 ha Weidefläche pro Jahr benötigt. Eine Gruppe von 216 Personen nutzt mit 7.000  Rentieren z.B. ein Areal von 37 000 km2, was der Fläche von Baden- Württemberg  entspricht. Größer ist die Tragfähigkeit der Tundra, wo nur noch ein Sechstel der in der Taiga benötigten Fläche als Weide genutzt wird (Wein, N. 1999). Die nomadisierenden Gruppen leben heute noch in Wohnzelten, Jarangas genannt, die  mit Rentierfellen bedeckt sind. Die Fortbewegung erfolgt mit breitkufigen Schlitten,  dem Narty, der auch im Sommer über den feuchten Tundraboden gezogen werden kann.  Heute verfügen die Gruppen aber auch über Motorschlitten, die aus der Auflösung  der Kolchosen stammen. Die Glaubenswelt wird vom Schamanismus bestimmt mit einer  Vielzahl von mystischen und kultischen Handlungen. Das Verbot des Schamanismus  zu Zeiten des Sozialismus führte zur geistigen Entwurzelung und Verunsicherung  der Menschen. Die nordischen Kleinvölker gehören verschieden Sprachfamilien  an: Zur finno- ugrischen: Chanten und Mansen Zur samojedischen: Nenzen und Ngassanen Zur mandschu- tungusischen: Ewenen und Ewenken Zur palöosibirischen: Keten, Tschukschen, Jukagirier und andere im fernen Osten. Alle Völker waren ursprünglich weiter südlich beheimatet: Die Nenzen stammen aus dem Altai- Sajan- Gebirgsraum  und vermischten sich, nachdem sie am Ob abwärts gewandert sind, mit den dortigen Fischern und Jägern. Sie machen mit 35.000 Menschen das größte der nördlichen Kleinvölker aus. Die Nenzen leben noch als Jäger und Viehzüchter entlang der  arktischen Küste östlich und westlich des Urals. Eine große Bedrohung erleben die Nenzen durch die Erdöl- und Erdgasförderindustrie, die eine großflächige Zerstörung der Rentierweiden verantwortlich ist. Die Chanten und Mansen (früher "Ob- Ugrier") entstanden durch die Vermischung autochtoner Fischer- und Jägerstämme  mit Pferdezüchtern aus dem zentralasiatischen Raum, die Mitte des 1. Jh. nach  Norden rückten (LINDIG, 1981). Durch ihre finno- ugrische Abstammung sind die rund 20.000 Chanten verwandt mit den Finnen, Kareliern und Esten. Entdeckt wurden  die Fischer und Jäger im 11. Jh. durch norwegische Forscher. Das 800 Menschen umfassende Volk der Mansen ist in einem autonomen Distrikt am mittleren Ob angesiedelt. Auch ihre Lebensweise ist durch die Erdölförderung gefährdet (Ölfeld bei Samotlor).  Die Ethnogenese der Ewenken und Ewenen geschah vermutlich im Baikalgebiet mit der Vermischung mandschurischer, mongolischer und türkischer Stämme. Die Ewenken  sind vermutlich das älteste Volk Sibiriens. Etwa 30.000 Ewenken siedeln in den  Gebieten vom mittleren Jenissej bis zum Baikal und Armur. Obwohl ihre Sprache dem Chinesischen ähnelt, sind sie kulturell eher mit den Mongolen verwandt. Nahe verwandte Gruppen sind die Nani mit 12.000 Menschen am niederen Armur und die Even mit 17.000 Menschen . Paläosibirische Tschuktschen wurden aus dem Süden nach Norden abgedrängt und existieren heute in zwei verschiedenen Kulturformen: die Tundren-Tschuktschen mit Rentierwirtschaft und die Küsten-Tschuktschen, die sich auf die Jagd auf Wale und Seehunde spezialisiert haben. Notizen von KOLESOV, 1991 berichten über die Lebensgewohnheiten dieses Volkes. Als Behausung  dient ein vieleckiges, geräumiges Zelt, das mit Rentierfellen überdeckt ist  und leicht transportiert werden kann. In der Mitte brennt fast ununterbrochen ein Feuer, das zum Kochen dient, aber auch die unzählig vielen Mücken vertreiben soll. Der Rauch entweicht durch eine Öffnung im Dach. Auch auf dem Boden liegen  Rentierfelle in mehreren Schichten aus, die als Sitzgelegenheiten dienen. Vor  dem Zelt stehen Schlitten, Narty, die mit allerlei Wirtschaftsgerät beladen sind. Neben dem zentralen Hauptzelt gibt es mehrere vieleckige Zelte zum Schlafen. Die Frauen tragen die Hauptlast der Arbeit. Ihre Aufgabe ist es, das Essen zuzubereiten, Kleidung zu nähen, die Zelte aufzustellen, Holz zu holen und den Männern auf  der Weide zu helfen. Ab September wird ein Overall aus Fell getragen, der von den Frauen genäht wird. Im Winter werden zwei von ihnen übereinander getragen,  der untere mit dem Fell nach innen und der äußere mit dem Fell nach außen. Alle 8- 19 Tage ziehen die Gruppen weiter und verladen dazu alles auf ihre Schlitten. Dabei werden die Routen des vergangenen Jahres gemieden, um eine Überweidung zu verhindern. An jedem Standplatz werden zwei Tiere geschlachtet und der Fleischvorrat  in einer 30 cm tiefen Permafrostgrube gelagert. Im Herbst erfolgt das Jahresschlachten,  bei dem die Herde um ein Drittel reduziert wird, um der geringeren Kapazität der Winterweide gerecht zu werden. Das Fleisch, das früher von der Sowchose  übernommen wurde, muss heute selbst vermarktet werden, was aber aufgrund der hohen Transportkosten (z.T. mit Hubschraubern) und der geringen Aufkaufpreise  wenig lukrativ ist. Dennoch hat sich diese Lebensweise noch nahezu unverändert bis heute erhalten, v.a. im äußersten Nordosten. Zu Zarenzeiten mussten die  Nordvölker eine Pelzsteuer, den sogenannten Jassak, entrichten, wegen dem sie  viel Zeit und Energie für die eigene Lebensbewältigung in den ohnehin schon widrigen Bedingungen verloren. Die Folge waren Armut und schlechte Lebensverhältnisse.  Die Lebenserwartung lag bei Männern zwischen 35 und 40 Jahren. Auffallend sind  auch heute noch die vielen Krankheiten und eine hohe Selbstmordrate (Resagk,  K. 2002: Völker Sibiriens. Exkursionsbericht TU Berlin http://sibirien.csiewert.de/;  Wein, N. 1999).

Religionen

Buddhismus

Der Buddhismus wurde im 17./18. Jh. über die mongolische Grenze  nach Russland gebracht. Dort fand er bis zu einer halben Millionen Anhänger, die allesamt Mitglieder der tibetischen Sekte mit dem Dalai Lama als geistlichen Führer waren. Religiöse Reformen im 18.Jh. unter Zarin Elisabeth befreiten die Klöster von Steuern und Abgaben und die Mönche vom Wehrdienst, der damals immerhin 25 Jahre betrug. Bis in die 30iger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts war der Buddhismus in Russland toleriert worden. Unter Stalin kam es zu einer gezielten  Verfolgung aller Glaubensanhänger: 250 Tempel, 50 Klöster wurden zerstört und tausende von Mönchen ermordet. Die mongolische Schrift wurde verboten und 1931  durch die lateinische und 1939 durch die kyrillische Schrift ersetzt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden zwei Klöster eröffnet: das 1946 neuerrichtete Ivolginski- Kloster bei Ulan-Ude und das Aginsk- Kloster bei Chita. Bemerkenswert ist, dass das Ivolginski Kloster mit ausdrücklicher Genehmigung Stalins gegründet wurde. Ob es sich dabei um ein Zeichen des Verbundes aller Religionsgemeinschaften  gegen Hitler oder um einen politisch wichtigen Akt handelte, der dem Ausland  die Glaubensfreiheit in der Sowjetunion demonstrieren sollte, bleibt ungewiss. Bis zur Zeit Gorbatschows durften allerdings keine weiteren Tempel oder Gebetshäuser gebaut werden. Die Verbreitung buddhistischer Schriften und die Ausbildung von Mönchen war verboten. Wer sich öffentlich zum Buddhismus bekannte, musste befürchten,  damit seine berufliche und gesellschaftliche Existenz zu gefährden. Seit 1991  gibt es eine Wiedergeburt des Buddhismus in Burjatien. 20 Tempel und kleinere  Gebetshäuser wurden errichtet. Seit kurzem sind die Mönche wieder vom Wehrdienst  befreit. Andere traditionell buddhistische Gebiete sind Tuwa und Kalmückien,  aber auch in allen anderen großen Städten Russland existieren buddhistische  Gemeinden. Der Buddhismus als klassische ökologische Religion bestimmt auch das Verhältnis zur Umwelt. Die starke Naturverehrung führt zu einem nachhaltigen Umgang mit dieser. Vor allem der Baikalsee spielt eine große Rolle innerhalb dieser Religion. Viele Tiere und Pflanzen des Baikalssees sind Elemente tibetischer Medizin. So ist z.B. das Fett des Fisches Golomjanka Basis vieler Heilmittel (Wein, N. 1999).

Buddistisches Kloster in Arschan (Sajan-Gebirge, Burjatien)

Christentum

Anfänge einer Christianisierung gab es 1570. 1586 wurde die erste  Kirche in Tjumen errichtet. Die Verbreitung des christlichen Glaubens beruhte  nicht immer auf Freiwilligkeit. Es gab Zwangsbekehrungen und die Kirche wurde  vom Staat als Instrument der Kolonisierung eingesetzt. 1653 kam es zur Kirchenspaltung, dem Raskol. Um den orthodoxen Glauben und den Staat zu festigen, hatten Zar Alexej Michailowitsch und Patriarch Nikon eine Kirchenreform durchgeführt, deren  Grundlage eine Korrektur der Liturgie war, die angeblich fehlerhaft übersetzt war. Obwohl es sich äußerlich nur um Lappalien handelte (Kirchenprozession gegen und nicht nach der Sonne, dreimaliges anstelle zweimaligen Halleluja Singens,  Bekreuzigung mit drei anstelle mit zwei Fingern), brachten die Korrekturen eine beträchtliche Opposition auf. Es bildete sich das Lager der Altgläubigen, die  sich strikt gegen die Reformen wehrten und darüber hinaus meist auch Gegner  der Zarenherrschaft an sich waren. In den folgenden Jahren wurden viele Altgläubige  verfolgt und umgebracht. Es setzte eine Wanderungswelle der sogenannten "Raspolniki" nach Sibirien ein, die schließlich 10 % der Bevölkerung Westsibiriens ausmachten.  Dort führten sie meist ein zurückgezogenes Einsiedlerleben

Kirche im Ethnographischen Freilichtmuseum Ulan-Ude

Erst in den 80iger Jahren wurde eine Siedlung von Altgläubigen in der Taiga entdeckt (Buchtip: Peskow, W.: Die Vergessenen der Taiga). 1971 wurde bei einem Treffen aller orthodoxen geistlichen die Kirche wiedervereinigt.  Wie andere Religionen, wurde auch das Christentum während der kommunistischen Zeit unterdrückt. Viele Kirchen wurden zerstört oder zweckentfremdet, beispielsweise  als Ställe genutzt.

Schamanismus

Eine wesentliche kulturelle Gemeinsamkeit der Urvölker Sibiriens  ist die traditionelle Religion, die vor der russischen Kolonisierung ausschließlich aus Formen des Schamanismus bestand, dem Glauben an eine beseelte Natur, also an die Existenz von geistlichen Wesen in allen natürlichen Objekten und Kräften.  Der Mensch kann mit diesen Wesen in Kontakt treten und sie mit ihm. Aufgabe des Schamanen ist es, Verbindung mit ihnen aufzunehmen, indem er seine Seele zu ihnen sendet oder aber ihnen Zutritt in seinen Körper gewährt. Dabei befindet er sich in einem Zustand der Ekstase, der durch rituellen Tanz, Trommelschläge oder berauschende Kräuter hervorgerufen wird (in jüngster Zeit wird dazu nicht selten Alkohol verwendet). Schamanen wurden innerhalb der Gruppe oft wie Heilige verehrt, nicht selten hatten sie einen größeren Einfluss als die Stammesführer (und später die Parteisekretäre). Eine wichtige Rolle spielten sie auch als Medizinmann und als Bewahrer wichtiger Stammestraditionen. In der Kosmologie der Schamanen werden eine Ober-, eine  Mittel- und eine Unterwelt unterschieden, die durch den Weltenbaum in Gestalt einer Lärche und den Weltenfluß verbunden sind. Der Baum dient dem Schamanen  bei seiner Reise in die Ober- oder Unterwelt. Die Seelen der Stammesmitglieder  reisen von der Oberwelt, dem Ort des Ursprungs, entlang des Flusses in die Mittelwelt, das Diesseits (weiter flussabwärts liegt das Reich der Toten). Auch die Wurzel  des Naturverständnisses der am Baikalsee lebenden Burjaten liegt im Schamanismus. Mensch und Natur waren für die Burjaten stets eine Einheit. Die Natur ist nicht nur Dach und Haus des Menschen und Grundlage seines Wohlergehens, sondern auch Ausgangspunkt seiner ethischen und moralischen Überzeugungen. Der Baikal war für alle Burjaten ein lebendiges, heiliges Wesen, das mit dem Kosmos in Berührung  stand und alles, was man den Baikal antat, das tat man dem gesamten Kosmos an.  Niemand hätte gewagt, an heiligen Schamanenplätzen zu jagen- ein Grund, weshalb  heute noch viele Tier- und Pflanzenarten erhalten sind. Auch der vorsichtige  Umgang mit Wald und Boden war sehr ausgeprägt. So stand "das Aufgraben der Erde und anderer Naturfrevel" unter Todesstrafe laut einer Gesetzessammlung des Dschingis  Khan. Selbst in der Schuhform zeigt sich die Naturverehrung: die Stiefelspitzen zeigen nach oben, um die Erde nicht zu verletzen. Obwohl der Schamanismus heute  eine Wiederbelebung erfährt, gibt es kaum noch echte Schamanen, aber einige Elemente des Schamanismus, wie Opferriten, sind noch lebendig. Oft werden die zeremoniellen Handlungen aber auch nur zu touristischen Zwecken zur Schau getragen .

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